Demonicon Review: Licht und Schatten im grauen Aventurien
Datum: 11.12.2013

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Demonicon Review: Licht und Schatten im grauen Aventurien

Es hat lange gedauert, bis das storyorientierte Action-RPG Demonicon veröffentlicht wurde. Schlussendlich entstand aus der Feder von DSA-Autor Daniel Heßler das bisher düsterste Computer aus der Welt des Schwarzen Auges. Es ist eine Geschichte über Familie, Liebe, Verrat und finstere Geheimnisse in Warunk, einer Stadt in den Schattenlanden, die von einer schlimmen Seuche geplagt ist. Weit entfernt vom kunterbunten Drakensang, erleben wir den unheilvolle Aufstieg von Cairon. Dieser wird bereits früh im Spiel mit den Gefühlen für seine Schwester Calandra konfrontiert. Das Inzest-Tabu als Thema sprengt die letzten Ketten eines Bilderbuch-Aventuriens mit tanzenden Feen und singenden Kobolden. Es macht deutlich, dass Aventurien dreckig sein kann und finster. Noumenas Demonicon ist ein wichtiger Vertreter für die Darstellung der Vielfältigkeit der DSA-Welt, aber ist es auch ein gutes Rollenspiel?

Das Problem mit der DSA Welt: Demonicon nur für DSA-Pros?

Der starke Fokus auf den Plot in Demonicon und die enge Verknüpfung mit dem düsteren Thema Borbaradianismus geben mir als DSA-P&P-Spieler das Gefühl, dass es schwierig ist, das Spiel zu bewerten und auch für komplett DSA-unerfahrene Spieler richtig einzuordnen. Die 7-Gezeichneten-Kampagne ist eine, wenn nicht die berühmteste Rollenspiel-Kampagne im Schwarzen Auge. Die Rückkehr des Halbgottes Borbarad, die in der 3. Dämonenschlacht gipfelte, ist in 4 Kampagnenbänden mit jeweils etwa 250 Seiten abgehandelt. Die darin enthaltenden Informationen sind so reich und oftmals selbst noch einmal interpretationsbedürftig, dass sich dort eine eigene Welt in der schon beinah uferlos erscheinenden DSA-Welt auftut. Demonicon nutzt nun diese Borbarad-Thematik und erzählt darin eine Geschichte, die sich mit der Nachlassverwaltung des alten Meisters der Dämonen (eben jenem Borbarad) auseinandersetzt.

Dieser spezielle Grundton in der Handlung wird dennoch von Noumena mit einfachen Spielmechanismen etwas entschärft. Das Spiel dürfte auch einem DSA-Neuling interessante und düstere Fantasy bieten. Die Atmosphäre des Spiels wird weitestgehend von der dichten Story getragen. Sie wird aber auch von einigen Schwächen gestört. Es kommt beispielsweise selten das Gefühl einer wirklichen freien Spielwelt auf. Das liegt zum einen daran, dass Ortswechsel und auch Cut-Scenes mit zeitlichen Übergängen relativ unvermittelt auftauchen können. Zweimal wird im Spiel die Warnung angezeigt, dass, wenn jetzt weitergespielt wird, es kein Zurück mehr gibt. Gefühlt gibt es dutzende Situationen in denen diese Warnung einfach ausbleibt. Hinzu kommt das selbstständig agierende Speichersystem, das erst gegen Ende des Spiels so richtig zu funktionieren scheint. Zuvor ist es keine Seltenheit, dass große Teile eines Levelabschnitts nach unverhofftem Tod nochmal gespielt werden müssen. Das alles sind Kritikpunkte, die ärgerlich sind und stören. Aber sind sie auch ein Ausschlusskriterium für Demonicon als gutes DSA Spiel?

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Demonicon: Story Yeah! Musik durchaus gut! Grafik solala!

Über die Grafik von Demonicon lässt sich sicherlich vieles sagen. Dass sie nicht besonders zeitgemäß aussieht. Dass manche Texturen der Horror sind. Oder, dass sie eigentlich ganz okay sind. Die Wahrheit ist, dass alles in etwa zutrifft. Es wird aber wohl trotzdem kaum Vorkommen, dass jemand Demonicon wegen seiner herausragenden Animationen oder Grafik kaufen wird. Es ist wirklich die Handlung, die an bestimmten Stellen in Demonicon das Gefühl aufblitzen lässt, sich in einer anderen Welt zu befinden. Die Entscheidungen sind dabei grob in moralisch und weniger moralisch einzuordnen, sorgen aber kaum für das Gefühl einen Ausweg zu haben aus der finster-düsteren Mär um Cairon und Calandra in den hoffnungslosen Schattenlanden.

In der Stadt Warunk muss eine Entscheidung getroffen werden: Soll sich Cairon der Stadtgarde oder dem Kreuzerkartell anschließen. Die scheinbar gesitteten Soldaten oder die zwielichtigen Händler? Die Entscheidung für die eine Seite macht die andere natürlich zornig. So wird Cairon für den Fall, dass er sich für das Kreuzerkartell entscheidet, in Warunk von Männern des Kommandanten der Wache angegriffen. Die Angriffe der Stadtgarde wirken dabei etwas unmotiviert und hinterließen den leichten Eindruck von: hier wird ein Zufallskampf gebraucht. Solche Momente sind schade, werden aber, so häufig es bereits erwähnt wurde und so platt es klingen mag, von der Story selbst wieder ausgebügelt. Wir sind schnell wieder im Spiel, wenn wir in die stimmigen Dialoge mit den authentischen Spielfiguren treten. Diese sind durchweg hochwertig, sowie glänzend geschrieben und hervorragend synchronisiert.

Klasse Sound und durchwachsene Steuerung: Demonicon

Die Vertonung in Demonicon ist generell als sehr hochwertig zu bezeichnen. Das betrifft sowohl die Musik von Michael Rother, als auch die Synchronisierung, die zu großen Teilen mit Sprechern von bekannten Hollywood-Schauspielern, wie Hugo Weaving oder Liam Neeson besetzt sind. Doch gibt es bei der Vertonung der Dialoge leider einen kleinen Wermutstropfen: Johannes Berenz, der Synchronsprecher von Cairon sagt konsequent Bobarad und lässt das R vor dem zweiten b weg. Das erzeugt gerade deswegen in manchen Situationen eine unfreiwillige Komik, da alle anderen Spielfiguren es richtig aussprechen. Die Musik hingegen ist ohne Fehl und Tadel. Sie reicht von Anleihen an Gothic, über den Soundtrack von Der Herr der Ringe bis zu einigen Werken von Two Steps from Hell. So wird eine angenehm klingende Vielfalt an unterschiedlichen Themen geboten, die Stimmungen wie verträumt tragisch, heldenhaft hoffnungslos oder dramatisch actiongeladen auf den Punkt trifft.

Bei der Steuerung kann sich der Spieler zwischen Gamepad und Maus+Tastatur entscheiden. Während es mit dem Gamepad schnell von der Hand geht, ist die zweite Variante etwas kniffliger, aber durchaus praktikabel. Für das Einnehmen von Heiltränken wird die Shift-Taste gedrückt gehalten und zusätzlich die Zahlentaste gedrückt, auf die der gewünschte Trank gelegt ist. Mit Gedrückthalten der rechten Maustaste und gleichzeitigem Drücken der zugeordneten Zahl werden Zauber ausgewählt, die Cairon durch seine dämonische Verbindung oder auch Gabe wirken kann. Das erfordert etwas an Koordinationsvermögen, denn es kann ärgerlich sein, wenn die Tasten verwechselt werden und statt des Wirkens eines Eiszaubers unnötigerweise ein Heiltrank genommen wird. Der Kampf an sich geht aber auch mit Maus und Tastatur leicht von der Hand und bringt als eines der Kernelemente im Spiel auch eine Menge Spaß mit sich. Es macht Laune Cairon dabei zuzusehen, wie er ein immer größerer Machtfaktor wird und einstige harte Gegnertypen mithilfe seiner dämonischen Gabe spielend in seine Schranken weist.

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Demonicon Review Fazit: Mehr als gehobener Durchschnitt?

Die Frage, ob Demonicon ein wirklich gutes Spiel ist, lässt sich nicht einfach mit ja beantworten, aber auch nur schwer verneinen. Licht und Schatten treffen häufig aufeinander. Nicht nur in der ausgezeichnet ausgearbeiteten Handlung, sondern auch im Spiel selbst. Fehlende Spielfreiheit und mangelnde Immersion werden durch einen spannenden Plot aufgewogen und die Rechnung geht auf. Dabei wird aber auch deutlich, wie viel mehr Demonicon hätte sein können. Es bleibt frei vom Scheitern, weil es unterhält, obwohl einige Stellen arg kurz gefasst sind. So haben wir keine Bewegungsanimationen, wenn Cairon eine Truhe öffnet oder einen Hebel bedient. Des Weiteren ist ein Springen, Klettern oder Ducken nicht möglich. Die Waffe außerhalb von Kampfsituationen zu ziehen geht auch nicht, sodass neue errungene Kampfsonderfertigkeiten nur ausprobiert werden können, wenn Gegner in der Nähe sind, da Cairon dann die Waffe automatisch zieht.

Das alles schränkt das Freiheitsgefühl ein, tötet es aber nicht vollständig. Es werden immer wieder geschickt Anreize in der Spielwelt, wie Dialoge und Objekte, gestreut, die einen bei der Stange halten Cairon weiter zu steigern, ihn stärker werden zu lassen und die Geschichte um ihn zu einem Ende zu führen. Dieses besitzt zwei Versionen und eine letzte schicksalshafte Entscheidung, deren Ausmaße in einer leider etwas kurzen Rendersequenz das Spiel abschließen. Am Ende bleibt das Gefühl etwas erlebt zu haben. Einen Einblick in die Thematik Borbaradianismus und auch das Leben in den Schattenlanden gewonnen zu haben. Eine Geschichte voller Tragik, schräger Momente und schauriger Grundstimmung, die sich vor keinem anderen RPG verstecken braucht. Im Gegenteil: ein Mehr an Spielfreiheit, ein Weniger an Ärgernissen, wie die automatische Speicherung oder die unvermittelten Orts- und Zeitwechsel und das Spiel hätte dem Genre seinen Stempel aufdrücken können. So wurde es eher ein interessantes DSA Action-RPG, das mal einen Blick wert ist.

geschrieben von hangingtree